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Niebüll/dew – Um Friedrich Paulsen zu
verstehen, muss man seine Wurzeln kennen.“ Mit diesen Worten lenkte
Oberstudiendirektor Manfred Wissel den Blick einer interessierten
Schulgemeinde auf das Leben und Wirken des Philosophen und Begründers
der modernen Pädagogik Friedrich Paulsen. Anläßlich seines 100.
Todestages fand in der Aula der Friedrich-Paulsen-Schule ein Gedenkabend
statt. Der in Langenhorn geborene Nordfriese hatte dem Niebüller
Gymnasium seinen Namen gegeben.
Im Rahmen des vom Nordfriisk Instituut initiierten
„Friedrich-Paulsen-Jahres“ hatte in der Langenhorner St.
Laurentius-Kirche bereits eine Gedenkfeier stattgefunden, in der
Institutsdirektor Prof. Dr. Thomas Steensen den Werdegang des großen
Sohnes seiner Gemeinde schilderte (unsere Zeitung berichtete). Im Focus
seines Vortrags in der Aula der FPS standen nun vor allem das
wissenschaftliche Werk und die Bedeutung Paulsens für die heutige
Pädagogik. Schüler aus dem Geschichtskursus von Karsten Giltzau
reicherten den Vortrag mit Zitaten aus der Biographie Paulsens an. Gast
des Gedenkabends war Oberstudiendirektor Dr. Jobst Werner, Leiter des
Berlin-Steglitzer Gymnasiums, das, wie die FPS auch, Paulsens Namen
trägt, weil dieser in Steglitz lebte und am 14. August 1908 dort
verstorben ist. Der Mittel- und Oberstufenchor unter der Leitung von
Oliver Schultz-Etzold gab dem Gedenkabend einen stimmungsvollen Rahmen.
Während seiner Schulzeit an der FPS sei wenig über Friedrich Paulsen
gesprochen worden, erinnerte sich Thomas Steensen. Desgleichen bedauerte
er es, dass die Gedenktafel neben der Eingangstür zur Aula übertüncht
wurde. Die Tafel enthielt die von Paulsen knapp formulierte Bilanz
seines Lebens.
Paulsen, so berichtete Professor Steensen, wandte sich dagegen, dass nur
das altsprachliche Gymnasium den Weg in die Universität öffnete. Mit
seinem ersten und noch heute gültigen wissenschaftlichen Werk
„Geschichte des gelehrten Unterrichts auf den deutschen Schulen und
Universitäten vom Ausgang des Mittelalters bis zur Gegenwart“ verlangte
er die Gleichberechtigung der Oberrealschulen und Realgymnasien – und
erntete nach dessen Veröffentlichung einen Sturm der Entrüstung. Auf
einer Schulkonferenz 1890 soll ihn Kaiser Wilhelm II. „mit harten blauen
Augen starr und fast drohend“ angesehen haben. Doch was Paulsen sagte,
machte ihn zum Mann der Zeit und – wie Historiker bestätigten – die
„Schule der besitzenden Klassen“ zur „Schule der Talente.“
Paulsen war indes nicht nur der geistige Vater der modernen Pädagogik.
Er war gleichsam eine Art Ratgeber für alle Lebenslagen, indem er sich
mit Begriffen wie Tugend, Moral, Ehre, Gewissen und Gerechtigkeit
auseinander setzte. Auch entwickelte er das Konzept der
„Fortbildungsschule“, aus der sich die Berufsschule entwickelte und
setzte sich für lebenslanges Lernen an Volkshochschulen als „Hochschulen
des Volkes“ ein. Bildung sei für ihn die wichtigste Angelegenheit des
Lebens. „Nicht, was man weiß, sondern was man mit seinem Wissen
anzufangen weiß, ist entscheidend für die Bildung einer Persönlichkeit.“
In den Universitäten sah Paulsen das moralische Gewissen der Nation. Aus
der Heimat mitgebrachte Gleichheitsgefühle aus der nordfriesischen
Bauernwelt waren der Resonanzboden für seine politischen Gedanken. Er
hielt zwar an der Monarchie als Staatsform fest, plädierte aber für ein
„Soziales Volkskönigtum“. Paulsen sei einer der wenigen im gebildeten
Bürgertum gewesen, die die Gefahren des Nationalismus klar beim Namen
nannten. |