Nordfriesland Tageblatt: Schüler-Demo: Proteste gegen „Bildungsklau“

je 13.11.08

Wie in mehreren anderen Städten gingen gestern auch in Niebüll Schüler für bessere Bildungsmöglichkeiten auf die Straße. Rund zwei Schulstunden lang dauerte der friedliche, gut organisierte Protest, der mit einer Kundgebung endete. Kritik fanden „Turbo“-Abitur, schlechte Schul-Ausstattung und Lehrermangel.

Kritik an Bildungspolitik: Robert Habeck (r.) und Valentin Seehausen. Foto: dew

 

 

Niebüll/dew – „Wir sind hier und wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut.“ Mit einem massiven Protest gegen den Zustand des Bildungssystems gingen gestern an die 1 500 Schüler aus vier Niebüller Schulen auf die Straße. In einem von der Polizei gesicherten Demonstrationszug von der Friedrich-Paulsen-Schule über Schulzentrum und Fachschule für Sozialpädagogik zu einer Kundgebung auf dem Rathausplatz machten die Schüler plakativ und verbal auf ihre Anliegen aufmerksam. „Schön, dass ihr mitmacht. Niebüll kann stolz sein auf uns“, rief der Organisator der Kundgebung, FPS-Schüler Valentin Seehausen, von seinem provisorischen Podium, einem landwirtschaftlichen Gefährt, seinen Mitschülern zu. Im Grundgesetz seien zwar die Rechte auf Bildung und Versammlungsfreiheit verankert, doch das Kieler Bildungsministerium stelle die Schulpflicht über die Versammlungsfreiheit. „Daher verletzen wir die Schulpflicht, weil die Politik die Bildung verletzt.“

„Sie sind ja nicht gegen etwas. Sie fordern nur etwas“, erklärte Gesa Seehausen, Mutter von Valentin, gegenüber unserer Zeitung. Zu den Kernforderungen der Schüler gehören: Kein Turbo-Abi, kleinere Klassen, Förderung des einzelnen Schülers, mehr Lehrer und mehr Geld für die Bildung, statt 500 Milliarden für die Banken. Im Mittelpunkt der Kritik befanden sich alte Bücher, überfüllte Klassen, fehlende moderne Medien, überforderte Lehrer sowie Nachmittagsunterricht schon für die fünften Klassen ohne Mittagessen – im Vergleich dazu stand die gute Ausstattung der Europaklasse. Demo-Sprecher Valentin Seehausen stellte die Frage, warum das Ministerium gegen den Streik sei, warum man bei „Pisa“ so schlecht abgeschnitten habe und warum Schüler unzufrieden seien und demonstrieren.

„Die Politik spart am falschen Ende. Wollen die, dass wir dumm sind und wie verblödet alles glauben? Denkt darüber nach. Redet mit den Eltern und fragt eure Lehrer.“

„Unter der Finanzkrise ist eine dringliche Aufgabe der Zukunft verschüttet: die Bildung.“ Dies erklärte MdL Robert Habeck (Bündnis 90/Grüne), der nach eigenem Bekunden nicht als Parteipolitiker sondern als bürgerschaftlich Engagierter spontan nach Niebüll gekommen sei. Zu demonstrieren sei rechtens und in einer Demokratie das Salz in der Suppe. Es sei ein Fehler zu glauben, dass man allein mit Strukturreformen Gutes bewirken könne. Und es sei ein Fehler, Sparmaßnahmen als Reformen zu deklarieren. Auch er sprach sich gegen das „G 8“- bzw. „Turbo-Abitur“ aus.

„Mehr Lehrer und kleinere Klassen wären gut“, bestätigte Lina Kortegaard (20), angehende Sozialpädagogische Assistentin. „Es ist gut, dass auch die ‚Kleinen’ mitmachen. Ich hoffe, dass die Proteste auch konstruktiv aufgenommen werden“, erklärte Katrin Schöwing (17), angehende Abiturientin im 13. Jahrgang der FPS und vom G 8-Abi nicht mehr betroffen. Bei der Demo war die FPS mit überwältigender Schüleranzahl dabei. Dazu gesellten sich Drei-Harden-Schule, Regionalschule und der „Rest“ der Fachschule für Sozialpädagogik der Beruflichen Schule Niebüll, von der etliche Schüler im Praktikum sind oder an einer Exkursion teilnehmen. Dem Umzug fuhren ein Streifenwagen der Polizei und ein Traktor mit Anhänger voran. „Schule gut – alles gut“ lautete eines der vielen Plakate, auf denen die Forderungen der Schüler kurz und knapp auf den Punkt kamen.

 

Sie erreichen den zuständigen Redakteur unter der E-Mail-Adresse: xx@fps-niebuell.de, wobei Sie xx durch das oben angegebene Redakteurkürzel ersetzen müssen.