|
Wie in mehreren anderen Städten
gingen gestern auch in Niebüll Schüler für bessere Bildungsmöglichkeiten
auf die Straße. Rund zwei Schulstunden lang dauerte der friedliche, gut
organisierte Protest, der mit einer Kundgebung endete. Kritik fanden „Turbo“-Abitur,
schlechte Schul-Ausstattung und Lehrermangel. |
|
Niebüll/dew – „Wir sind hier und wir sind
laut, weil man uns die Bildung klaut.“ Mit einem massiven Protest gegen
den Zustand des Bildungssystems gingen gestern an die 1 500 Schüler aus
vier Niebüller Schulen auf die Straße. In einem von der Polizei
gesicherten Demonstrationszug von der Friedrich-Paulsen-Schule über
Schulzentrum und Fachschule für Sozialpädagogik zu einer Kundgebung auf
dem Rathausplatz machten die Schüler plakativ und verbal auf ihre
Anliegen aufmerksam. „Schön, dass ihr mitmacht. Niebüll kann stolz sein
auf uns“, rief der Organisator der Kundgebung, FPS-Schüler Valentin
Seehausen, von seinem provisorischen Podium, einem landwirtschaftlichen
Gefährt, seinen Mitschülern zu. Im Grundgesetz seien zwar die Rechte auf
Bildung und Versammlungsfreiheit verankert, doch das Kieler
Bildungsministerium stelle die Schulpflicht über die
Versammlungsfreiheit. „Daher verletzen wir die Schulpflicht, weil die
Politik die Bildung verletzt.“
„Sie sind ja nicht gegen etwas. Sie fordern nur etwas“, erklärte Gesa
Seehausen, Mutter von Valentin, gegenüber unserer Zeitung. Zu den
Kernforderungen der Schüler gehören: Kein Turbo-Abi, kleinere Klassen,
Förderung des einzelnen Schülers, mehr Lehrer und mehr Geld für die
Bildung, statt 500 Milliarden für die Banken. Im Mittelpunkt der Kritik
befanden sich alte Bücher, überfüllte Klassen, fehlende moderne Medien,
überforderte Lehrer sowie Nachmittagsunterricht schon für die fünften
Klassen ohne Mittagessen – im Vergleich dazu stand die gute Ausstattung
der Europaklasse. Demo-Sprecher Valentin Seehausen stellte die Frage,
warum das Ministerium gegen den Streik sei, warum man bei „Pisa“ so
schlecht abgeschnitten habe und warum Schüler unzufrieden seien und
demonstrieren.
„Die Politik spart am falschen Ende. Wollen die, dass wir dumm sind und
wie verblödet alles glauben? Denkt darüber nach. Redet mit den Eltern
und fragt eure Lehrer.“
„Unter der Finanzkrise ist eine dringliche Aufgabe der Zukunft
verschüttet: die Bildung.“ Dies erklärte MdL Robert Habeck (Bündnis
90/Grüne), der nach eigenem Bekunden nicht als Parteipolitiker sondern
als bürgerschaftlich Engagierter spontan nach Niebüll gekommen sei. Zu
demonstrieren sei rechtens und in einer Demokratie das Salz in der
Suppe. Es sei ein Fehler zu glauben, dass man allein mit
Strukturreformen Gutes bewirken könne. Und es sei ein Fehler,
Sparmaßnahmen als Reformen zu deklarieren. Auch er sprach sich gegen das
„G 8“- bzw. „Turbo-Abitur“ aus.
„Mehr Lehrer und kleinere Klassen wären gut“, bestätigte Lina Kortegaard
(20), angehende Sozialpädagogische Assistentin. „Es ist gut, dass auch
die ‚Kleinen’ mitmachen. Ich hoffe, dass die Proteste auch konstruktiv
aufgenommen werden“, erklärte Katrin Schöwing (17), angehende
Abiturientin im 13. Jahrgang der FPS und vom G 8-Abi nicht mehr
betroffen. Bei der Demo war die FPS mit überwältigender Schüleranzahl
dabei. Dazu gesellten sich Drei-Harden-Schule, Regionalschule und der
„Rest“ der Fachschule für Sozialpädagogik der Beruflichen Schule
Niebüll, von der etliche Schüler im Praktikum sind oder an einer
Exkursion teilnehmen. Dem Umzug fuhren ein Streifenwagen der Polizei und
ein Traktor mit Anhänger voran. „Schule gut – alles gut“ lautete eines
der vielen Plakate, auf denen die Forderungen der Schüler kurz und knapp
auf den Punkt kamen. |